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Weite

Juli 25, 2019

An der methodistischen Tradition gefällt mir, dass die Weite im Denken einen grossen Stellenwert hat. Ja, Weite im Denken ist ein unabdingbarer Bestandteil der Liebe.

Für John Wesley (1703-1791) gehörte die Enge des Geistes zu den Übeln, die wir „vermeiden, ja verabscheuen sollten“ (vgl. John Wesley Brevier, S. 170). Schon in der Bibel wird vor fruchtlosen Streitigkeiten gewarnt. (z.B. 1. Tim 1,4f)

Die Christenheit hatte im 16. und 17. Jahrhundert dann aber gesehen, wie verheerend fanatisch geführte theologische Streitigkeiten sich auswirkten – bis hin zu Konfessionskriegen.

So entstand im 17. Jahrhundert eine Strömung, die sich Latitudinarismus nannte. Das stammt vom lateinischen Wort latitudo = Weite. In dieser Tradition steht Wesley, wenn er sich für Weite im Denken ausspricht. Ausdruck davon sind der Grundsatz „denken und denken lassen“ oder die Haltung: „Ist dein Herz aufrichtig gegen mich, wie mein Herz gegen dein Herz? Wenn es so ist, dann gib mir deine Hand.“ (siehe Wesleys Predigt „Ökumenische Gesinnung“)

Leider ist an der letzten Generalkonferenz (GK) der EMK diese Weite auf der Strecke geblieben, als beschlossen wurde, dass es im Blick auf die Homosexualität nur noch eine (nämlich die traditionelle) Sicht geben darf.

Spaltungen, Misstrauen, Verletzungen, ein riesiger Kräfteverschleiss, der Verlust von Glaubwürdigkeit etc. sind die Folge. Ich fürchte, der Schaden für die Kirche wird riesig sein. Als ob wir uns das leisten könnten… Es macht mich tief traurig und sprachlos.

Ich hoffe aber, dass „Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“ (Dietrich Bonhoeffer).

Vielleicht kommen nun Umwälzungen in Gang, durch die Blockierungen in der Kirche gelöst werden. Wir verstehen besser, worin die Kraft der Liebe liegt. Es wächst ein neues Bewusstsein, wie wichtig und dem christlichen Glauben angemessen die Weite im Denken ist.

In herzlicher Verbundenheit

Urs Rickenbacher

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